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mihael kobas kobasvisual architektur

Dieses Foto entstand nicht im Oktober. Das Haus ist zu jeder Jahreszeit schön, verlassen. Ab und zu mäht jemand den Rasen und erntet die Früchte, die auf dem Feld neben dem Haus wachsen. Sliwowitz wird daraus gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Kamera. Ich schoss es mit dem Handy. Automatik. Egal wie oft ich das Foto ansehe, ich sehe jedes Mal etwas anderes darin – Mihael Kobas (WUAPAA Jahreskalender, Oktober 2017).

Das Foto ist in Vidovice, dem Heimatdorf meiner Eltern nahe dem Fluss Save in Bosnien und Herzegowina entstanden. Man könnte sagen, dass das verlassene Haus den Charakter des Dorfes widerspiegelt. Viele Bewohner sind wegen des Jugoslawien-Kriegs geflüchtet und nicht mehr zurückgekehrt.

Das war mein erstes Architekturfoto. Mit ihm habe ich ein Stück Geschichte festgehalten. Haus. Beschädigtes Dach. Einschusslöcher. Pusteblumen. Junger Baum. Blühende Ackerfelder. Das Foto hat alles. Außer Menschen. Und doch erkennt man das Leben darin. Eingefangen aus der Sicht, wie ich die Dinge im Leben sehe.

Ich war überrascht wie viele Menschen, die dieses Foto gesehen haben, ähnlich berührt vom Anblick waren. So wie ich damals als ich vor dem offenen, alten und kaputten Zaun stand und das leere Haus beobachtete. Ich erinnere mich nur zu gut, wie mein Herz plötzlich schneller zu schlagen begann. Wie meine Atmung flacher wurde. Wie alles um mich herum still war. Gedankenversunken stellte ich plötzlich fest, dass ich nun davor stand. Ich überlegte nicht lange, ich wusste genau wie ich das Motiv aufnehmen, nein, einfangen wollte. Den Moment. Die Gefühle. Die Erinnerungen. Haus. Beschädigtes Dach. Einschusslöcher. Pusteblumen. Junger Baum. Blühende Ackerfelder. Das Foto hat alles. Außer Menschen. Stimmt nicht ganz. Ich war dort und konnte dieses Erlebnis durch meine Fotografie anderen Menschen nahe bringen. Mein Foto von diesem Haus, das in Vidovice steht, erzählt eine Geschichte. Gestern, heute und auch morgen noch.

Aber bleiben wir doch beim Jetzt. Beim Heute. Heutzutage entstehen meine Fotos, wenn ich spazieren gehe, unterwegs bin oder gerade von der Arbeit nach Hause gehe. Es kommt selten vor, dass ich gezielt Architekturfotos von bekannten Gebäuden mache. Architekten stehen für mich nicht im Vordergrund, sondern das Gebäude, die Struktur, die Formen und Linien. So bin ich ständig auf der Suche nach neuen Motiven. Und da ich in Klagenfurt am Wörthersee wohne und die Stadt nicht allzu groß ist, muss man die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten um die Einzigartigkeit aus Ihnen herauszuholen und sie in den Vordergrund zu stellen.

Jedes Motiv lebt von Licht und Schatten. Am Vormittag hat ein Objekt andere Charakterzüge als am Nachmittag oder in der Früh und am Abend. Deshalb sollte man auch nie zur Mittagszeit fotografieren, da die Sonne zu diesem Zeitpunkt senkrecht steht. Welches Licht für welche Arten von Architekturfotografie vorteilhaft ist, hängt von der Bauart des Gebäudes ab. Symmetrische Formen erhalten durch stark und schräg einfallendes Licht härtere Kontraste. Der Schatten verstärkt die symmetrische Wirkung. Möchte man runde Formen betonen, ist ein weiches Licht von Vorteil. Weiches Licht entsteht dann, wenn z.B. der Himmel bewölkt ist. Man spricht auch von diffusem Licht. Für meine Architekturfotos bevorzuge ich meistens harte Kontraste. Deshalb gefallen mir persönlich Schwarz-Weiss-Fotos am besten. Sie bringen im Gegenzug zu Farbfotos den Charakter der Gebäude und das Wesentliche, die Essenz zum Vorschein und sind zudem zeitlos.

Wenn ich das Motiv fotografiere, versuche ich gleich mit der ersten Aufnahme optimale Lichtverhältnisse und die richtige Perspektive zu nutzen. Viele haben die Gewohnheit von einem Motiv mehrere Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven zu machen um anschließend das Beste auszuwählen und zu bearbeiten. Ich bin da sehr minimalistisch, was sich auch in meinen Fotos widerspiegelt, darum versuche ich so wenig wie möglich bei meinen Fotos nachzubearbeiten und so realitätsnah wie möglich zu fotografieren.

Da ich den Großteil meiner Fotos mit meinem Smartphone und meiner Sony RX100 MIII mache und keine teuren Tilt-Shift Objektive oder Kameras verwende, entstehen oft stürzende vertikale Linien, die das Nachbearbeiten unumgänglich machen. Man muss dazu sagen, dass auch mit teuren Equipment stürzende Linien entstehen und auch professionelle Architekturfotografen damit zu kämpfen haben. Meine Architekturfotos bearbeite ich meistens mit der App „Snapseed“ (ist für Android & iOS erhältlich) oder wenn ich Zeit habe mit Lightroom und Photoshop. Filter verwende ich keine. Alle Filter verlieren auf Dauer ihre Wirkung. Heute sind sie im Trend und morgen schon vergessen.

Bis jetzt hatte ich nur die Möglichkeit öffentliche Gebäude zu fotografieren, aber in Zukunft würde ich auch gerne Privathäuser und Inneneinrichtungen fotografieren. Um auch die Funktionalität der Architektur wiederzugeben würde ich gerne Menschen in meine Fotografie einbeziehen. Banale Alltagssituationen, soziales Zusammenkommen, zwischenmenschliche Interaktionen. Das machen Architekturfotografen heute nur mehr selten. Zu dieser Idee inspirierte mich der berühmte Architekturfotograf Julius Shulman. Er war einer der ersten, der bewusst Menschen in seine Motive mit einbezog. Meist wussten die Personen gar nicht, dass sie fotografiert wurden. Die Fotos wirken natürlich und nicht gestellt. Das bekannteste Architekturfoto der Welt stammt von Shulman, das unter dem Namen “Steel House Nr. 22” Bekanntheit und Anerkennung auf der ganzen Welt erlangte. Die Aufnahme wurde in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungsartikel sowie Fachmagazinen und Büchern abgedruckt. Das Gebäude gilt heute als Ikone der modernen Architektur-Szene Kaliforniens. Shulmans Ziel war es, die Architektur so erscheinen zu lassen, dass Leute sagen: “In diesem Haus möchte ich leben.” Und genau das ist auch mein Ziel. Ich möchte Menschen mit meinen Fotos Freude bereiten, sie begeistern und inspirieren.

Meine Architekturfotos könnt ihr euch auf Instagram ansehen: www.instagram.com/kobasvisual

Habt ihr ein besonderes Gebäude, dass euch in Erinnerung geblieben ist? Schreibt mir doch auf Instagram oder mihael.kobas@wuapaa.com.