Spielen im November

Schon als Kind fand ich ihn faszinierend, den Nebel. Wenn er sich wie ein geheimnisvoller Rauch, wie Dunstschwaden, über die Felder langsam legte, bis aus ihm ein Nebelmeer entstand. Aus der Ferne betrachtet schien der Anblick mysteriös und furchteinflößend. War der Nebel mit drückender Stille begleitet, wirkte alles wie verzaubert und wie aus einem Märchen das mit “Es war einmal, vor sehr sehr langer Zeit…” beginnt – mit dem Unterschied, dass dieses Märchen noch galt geschrieben zu werden. Autor des Märchens war die pure Fantasie und Neugierde eines kleinen Mädchens, das im Nebel verschwand.

Als ich vor etwa zwei Jahren von München nach Klagenfurt gezogen bin, hatte ich ein erstaunliches Wiedersehen mit dem Nebel. In München gibt es nicht wirklich Nebel, zumindest nicht direkt in der Stadt, es gibt auch keinen See in der Nähe. Daher war das Wiedersehen ein erfreuliches Wiedersehen, mit einem Hauch von Nostalgie. Ende Oktober kehrt der Nebel in Klagenfurt ein und bleibt bis zum Frühling. Fast wie ein Vogel, der hier überwintern möchte. In den frühen Morgenstunden kann man beobachten, wie die Umgebung langsam und gemächlich und immer mehr verschwimmt, bis sie schließlich völlig unsichtbar wird. Beobachtend und in Gedanken versunken fühle ich mich wieder in diese magische Welt zurückbefördert. In alte Erinnerungen.

Die Fantasie ist etwas, die wir auch im Erwachsenenalter nicht verlieren. Wir vergessen sie nur. Wir verlernen uns Dinge vorzustellen. Wir verlernen in andere Sphären abzutauchen. Es ist ein wenig so, als hätten wir verlernt, wie das geht mit dem Kind sein und der Fantasie. Als Erwachsener lernt man die Merkwürdigkeiten des Lebens zu analysieren, zu begründen, zu hinterfragen. Wir versuchen in allen Dingen Muster zu erkennen – von Natur aus. Das lernen wir von Klein auf. So sind wir Menschen. Aber mit ein bisschen Einfluss unserer verbogenen Fantasie, nehmen wir dabei sehr unterschiedlich die verschiedensten Dinge wahr. Wie zum Beispiel den “Mann im Mond” – eine Pareidolie.

Was sich wie ein Spiel anhört, ist eine der bekanntesten Formen der Mustererkennung. Das menschliche Gehirn versucht unvollständige Wahrnehmungsmuster oder -strukturen zu vervollständigen. Pareidolien sind bewusst oder unbewusst hervorgerufene Fehldeutungen. Das Gehirn glaubt Gesichter, Formen oder Figuren, welche ihm vertraut sind, in Mustern oder Objekten zu sehen. Wann habt ihr das letzte mal in den Himmel gesehen und Wolkenbilder beobachtet?

Wolkenbild Hai

Fotostrecke auf Spiegel-Online aus dem Buch „Clouds that look like things“

Ich bin kein Psychologe, lese auch nicht sonderlich viel über die menschliche Psyche oder über Verhaltensmuster. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass eine lebhafte Fantasie Pareidolien begünstigt oder sie sogar verstärkt. Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt und sieht sie mit seinen Augen wie kein anderer. Die Wahrnehmung jedes einzelnen Menschen ist mit dem Leben eines Jeden mitgewachsen und hat sich individuell entfalten können. Ein Säugling lernt in den ersten Wochen seine Umgebung zu beobachten, darauf zu reagieren und sie wahrzunehmen. Geräusche, Bilder, Gesichter, Formen, Emotionen und Berührungen sind nur wenige Beispiele, die zu erforschen und zu deuten sind. Diesen Weg ist jeder von uns gegangen – als Kind, später als Erwachsener und wir werden ihn auch noch im hohen Alter weitergehen. Mit der Zeit lernen wir Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und wir werden uns daran zurückerinnern, wie wir sie damals gesehen haben. Wie uns der Keller oder Dachboden ein Graus waren oder eine aufregende Abenteuerkulisse. Wie wir uns vor dem Nikolaus gefürchtet oder auf seinen Besuch gefreut haben. Wie wir nachts nicht schlafen konnten, weil wir das Grollen des Donners bis in die Knochen gespürt haben oder weil wir so fasziniert vom Lichterspiel der Blitze im dunklen Himmel über uns waren.

Für mich hatte der Nebel diese Wirkung. Er war mysteriös und unheimlich und gleichzeitig so interessant und zum Spielen einladend. Als Kinder haben wir damals sehr oft Fangen im Nebel gespielt. Es war das tollste Versteckspiel und wir hatten den größten Spaß. Wir mussten auf unser Gehör vertrauen, weil unsere Augen uns täuschten. Wir konnte kaum etwas erkennen. Wir führten uns gegenseitig in die Irre, spielten uns Streiche und versuchten uns mit fremden Geräuschen wie Tierstimmen auszutricksen, damit wir nicht entdeckt und gefangen wurden. So spielten wir eine ganze Weile und vergaßen völlig die Zeit und alles andere um uns herum. Das Spiel war dann zu Ende als der Nebel verschwand und das Mädchen mit ihren Freunden wieder aufauchte.

Ich jage übrigens nicht nur dem Nebel hinter, sondern mache ganz unterschiedliche Fotos: www.instagram.com/illucean

Eure Wolkenbilder könnt ihr übrigens mir gerne an tanja.tusch@wuapaa.com schicken. Wir würden sie dann auf unserem Wuapaa-Instagram featuren 🙂